Freitag, 14. November 2008

20 – 26|10 Der ganz normale Wahnsinn...

Also zu Beginn der Woche gleich das Beste: internationales Steuerwesen, hmmmmmm! Abgesehen von diesem überaus illustrierten und unterhaltsamen Themengebiet sorgt auch der Prof für Training von Körper und Geist seiner Studenten: die Erklärungen sind hinreichend schlecht, seine wilden Tafelbilder uneindeutig und sein Körpergeruch zum Davonlaufen! So sitzen 15 arme Studenten in einem schlauchförmigen Raum, sodass jeder von uns der 1. oder wenigsten 2. Reihe sitzen darf und halten uns ein parfümiertes Taschentuch vor Nase und Mund oder atmen einfach nicht. Nach 15 Minuten landet spätestens der erste Kopf auf dem Tisch – wegen akuten Sauerstoffmangel treten schwerwiegende Müdigkeitserscheinungen auf.

Dienstag: der Prof von „Internationales Vertragswesen“ (also Recht) ist auch nicht von diesem Stern. Ein mindestens 2 Meter großer Schlacks mit kinnlagem Haar, der sich anmutig vor der Tafel hin und her bewegt. Er scheint witzig zu sein – ich versteh jedenfalls seine bildhaften Erklärungen nicht. Jedenfalls kommt er immer mindestens 30 Minuten zu spät – variiert nach Tageslaune. Wer nach ihm kommt, erntet trotzdem böse Blicke.

Mittwoch: Wir feiern bei meiner Kollegin Justin mit Pizza und Wein. Übrigens trinken die Franzosen wirklich viel Rotwein. Was dem Deutschen das Feierabend-Bier ist dem Franzosen seine Flasche Rotwein. Sinnbild eines durchweg verdorbenen Abends: nichts im Kühlschrank (nicht einmal eine Ecke Käse) und noch dazu kein Wein. Und rot muss er sein! Da ich wohlerzogen die letzte Metro nehme, verpass ich das beste vom Abend! Aber die Schilderungen am Folgetag lassen so Einiges erahnen...

Freitag: 8.30 Uhr IAE (mein Institut) liegt noch im Dunkeln, es fängt an zu dämmern. Alle Studenten stehen vor dem verschlossenen Vorlesungssaal. Wer fehlt? –der Prof. Aufgrund einer Doppelbelegung (super Organisation der Franzosen) fällt die Vorlesung quasi aus. Wir genehmigen uns ein ordentliches Frühstück bei McDo bestehend aus Pfannkuchen mit Ahornsirup und Kaffee. Lecker!

Die Übung am Nachmittag zur ausgefallen Vorlesung am Vormittag ist dafür umso anstrengender. 7 Seiten englischer Text über die Internationalisierungs-Strategie von CocaCola. Dazu sollen Fragen - auf französisch natürlich – beantwortet werden. Ich bin in einer Gruppe von 5 Mann eine der glücklichen Auserwählten und die Präsentation unserer Ergebnisse verläuft auch recht erfolgreich, bis ich eben an der Reihe bin. Keine Absprache vorab – angestupst von der Seite – „alles Stef!“ (=los Stef) – stammel ich ein paar Sätze zusammen. Leider kann ich auch die tollen Abkürzungen auf unserem Antwortzettel nicht entziffern. Währenddessen zeichnen sich tiefe Grübelfalten im Gesicht des Profs ab (Doktorant vom schönen Kontinent Afrika). Wenigsten beruht das Unverstehen auf Gegenseitigkeit – ich versteh ihn wegen seines afrikanischen Dialekts nämlich auch nicht (so wie zu 50 % auch die anderen Studenten).

Ich entspanne mich bei 2 Stunden ausgiebigen Badminton und fühl mich besser. Bis am Folgetag der Muskelkater einsetzt! Was mich natürlich nicht davon abhält nach erledigten Hausaufgaben zu einer Vor-party (Fotos: pré-party) zu Armandine zu fahren. Ein typischer Abend der COMEX-Gruppe!

Sonntag, 9. November 2008

13|10 – 19|10 Patriotismus

Eine wichtige Erfahrung, die ich aus dem Auslandssemester mitnehmen werde, ist das Gefühl, sich nicht sorgen zu müssen, aus Deutschland zu kommen. Sicherlich habe ich mir vorher darüber nicht so viele Gedanken gemacht, aber hier bin ich zum ersten Mal darauf aufmerksam geworden, dass das Bild der Deutschen im Ausland gar nicht so schlecht ist. Abgesehen von den üblichen Klischees werden auch die Vorzüge, wie Organisation und Pünktlichkeit geschätzt. Noch außergewöhnlicher erschien mir das hohe Ansehen der deutschen Wirtschaft und deutscher Produkte. Vor allem in den Vorlesungen „industrielles Management und e-Mutationen“ sowie in „Unternehmens-Internationalisierung“, selbst im Englisch-Unterricht (Beispiel Autostadt Wolfsburg) werden oft deutsche Firmen als positive Beispiele genannt oder die besonders gute wirtschaftliche Positionierung Deutschland betreffend In- und Export besprochen.

Noch spannender ist der Deutsch-Unterricht für meine COMEX-Kollegen, den ich mir ab und zu gönne. Hier werde ich regelmäßige über die aktuelle Entwicklung in Deutschland in Kenntnis gesetzt. Der Prof spricht ein deutlicheres und grammatikalisch exakteres Deutsch als ich und verfügt darüber hinaus über den Empfang von ZDF. In Abstinenz von deutschen Fernsehen und Radio bin ich wirklich nicht up-to-date und froh über jede heimatliche Information, auch wenn es nur das Morgenmagazin ist. Ich spreche für meine lieben Kollegen ganz, ganz, ganz langsam und krame mein bestes Hochdeutsch aus. Jedenfalls ist es schön, mal die anderen schwitzen zu sehen, weil einem das gesuchte Wort grad nicht einfallen will...

Erstmalig diese Woche: Fitness-Kurs Dienstag von 19.00 bis 20.00 Uhr. Der Trainer allein ist schon einen Besuch wert. Ja, ein jungscher Franzose italienischer, spanischer, libanesischer, türkischer oder ich-weiß-nicht-was-für-einer Herkunft hüpft vor einer Truppe von 40 Mädels rum, die während der Übungen ständig gackern wie ein riesiger Hühnerhaufen. Das ist sogar so ansteckend, dass es mir schwer fällt meine sit-ups ordentlich zu machen. Jedenfalls macht es riesigen Spaß, die Stimmung ist echt außergewöhnlich.

Am Freitag verlieb ich mich Hals-über-Kopf. Ich bin einfach hin und weg... Nach 5 Folgen Prison-Break am Stück dank DVD weiß ich nicht mehr, wie mir dieses Sahnestück entgehen konnte! Absolute Suchtgefahr. Den Fakt, dass der Hauptdarsteller homosexuell ist, kann ich wunderbar verdrängen. Enttäuscht war ich trotzdem, als ich davon erfuhr.

Am Freitag klopft es an meiner Tür, als ich gerade dabei bin mich zum Weggehen fertig zu machen - meine Nachbarin (afrikanischer Herkunft) und eine weitere Gangmitbewohnerin (libanesischer Herlunft). Ich sack die beiden ein, denn sie haben keine Pläne, und nehme sie mit zu Christine. Dort wird für den Abend in der Disko vorgefeiert... Ich denke an meine vielen, vielen Hausaufgaben und fahr nicht mit in’s Stadtzentrum. Dafür komm ich kurzerhand mit meiner Nachbarin der Einladung einer handvoll Libanesen nach. Also libanesischer Tanzabend mit originaler Shiha, Musik und Tanz vorgeführt von 5 Libanesen vor ca. 10 Italienerinnen und uns beiden. Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber schon die Italienerinnen an meiner Uni hatten einen ausgeprägten Drang ins Ausland zu gehen ohne die dortige Sprache zu sprechen, geschweige denn Englisch. Also quasi nur Italienisch – kann doch jeder, oder?

Sonntag, 19. Oktober 2008

06 – 12|10 Projet "Mission Export"


Montag verlässt mich die Geduld und ich schwänze den Englischkurs, um zum Arzt zu gehen. Die Strapazen beim Arzt sind ausführlicher in Lektion N° 7 beschrieben. Jedenfalls bekomm ich andere Medikamente verschrieben und ich soll die vorher gekauften absetzten, woraus ich schließe, dass es die Falschen waren...(merde!)

Donnerstags: ein weiteres Highlight der Woche – Projektarbeit. Da alle
meine COMEX-Mitstreiter ein Unternehmen in dem Land kontaktieren, in dem sie im folgenden Semester ein Auslandsstudium absolvieren, ist dies für mich recht sinnlos. Zumal meine lieben Mitstreiter bis Oktober Zeit haben den Beleg zu einer unternehmensbezogenen Fragestellung abzugeben. Ich wurde dafür in die Gruppe einer Licence 3 (entspricht Abschlussjahrgang Bachelor) gesteckt, die ich alle überhaupt nicht kenne. Und so düs ich jeden Donnerstag quer durch die Stadt, um am Lycée international de Montebello ein Projekt über den Handel zwischen Deutschland und Frankreich zu arbeiten. Ich mach es kurz: es ist völlig sinnlos meiner Meinung nach. Alle Teilnehmer des Kurses haben sich kurzfristig (ohne mich zu fragen) umentschieden und behandeln nun Export in die Türkei, sodass ich mit einer Deutschen (nach Frankreich Ausgewanderten) zusammenarbeiten darf. Allerdings ist mir das Ziel und die Herangehensweise dieser ganzen Sache noch suspekt und auch ihr anscheinend noch nicht ganz klar.

Um dem Donnerstag noch den richtigen Abschluss zu geben, habe ich bis acht abends Französisch-Unterricht. Da das IAE für die Sprachlehrer bezahlen muss, reicht es nur für einen,
obwohl wir mindestens 4 verschiedene Sprachniveaus haben. Zu meinem Nachteil gehör ich eher zu den schlechtesten. Denn manche meiner Kursteilnehmer leben schon seit einem oder drei Jahren in Frankreich und sind für mein Empfinden nicht mehr von Franzosen zu unterscheiden. Noch dazu muss ich jetzt auf erhöhtem Niveau den Test schreiben und die Grammatikwiederholung, die ich dringend benötige, zu Hause an einem Onlineprogramm selbst machen. Die Note ergibt sich allerdings nicht nur aus der Abschlussprüfung, sondern zusätzlich aus 2 anzufertigenden Hausarbeiten. Wochenende ade!

Auf den Stress gibt es am Freitag nach der Vorlesung ein Glas Rotwein in der Sonne. Die muss man genießen, wenn sie sich mal zeigt! Am Abend steigt eine ordentliche Feier bei Laura aus meiner Comex-Gruppe. Die Gastgeberin empfängt uns mit Spaghetti Carbonara - eine gute Grundlage für den langen Abend. Es scheint auch ein Verkupplungsunternehmen dahinter zu stecken, denn sowohl für Laura als auch für Armandine werden potentielle Bewerber eingeladen. Von Stunde zu Stunde werden wir mehr und Laura zeigt uns ihre Gitarrenkünste. So richtige Herzschmerzstimmung kommt auf, als André (guter Freund von Armandine) "Halleluja" auf der Gitarre zum Besten gibt. Echtes Gänsehaut-feeling. Übrigens der erste Franzose, der ohne Dialekt Englisch singen kann. Die Mädels sind hin und weg. Aber gegen 12 brechen wir dann doch noch auf Richtung "7 heaven". Eigentlich hätte ich auch gern mal eine andere Disko kennengelernt, aber an dem Abend ist es mir mittlerweile völlig egal.

Mit mehreren Zwischenstops (Leute treffen, Geld abheben) auf unserem Weg stürmen wir gegen 1.20 Uhr das "7". Gott sei dank treffe ich diesmal keine alten Bekannten. Nach ausgiebigen Tanzen mit den Franzosen in bekannter Art und Weise, pfeift Laura gegen 5.00 Uhr zum Heimmarsch. Ich darf bei ihr übernachten und bin heilfroh nicht auf die erste Metro 6.30 Uhr warten zu müssen. Wir fallen schließlich halbtot bei ihr ins Bett.

Der Anblick ihrer Stube am nächsten Morgen bewirkt in mir den Drang zur Flucht. Aber ich kann sie so nicht allein lassen und so schrubben und putzen wir im alten Zigarettenmief gemischt mit Bier-, Wodka-O-Geruch. Selbst nach gröbster Schadensbehebung sieht man doch dauerthafte Spuren (Brandflecke auf dem Tisch). Ich denke, es war leider die letzte Feier bei Laura.

29|09 – 05|10 Jacqui und dann der Husten

Nicht nur das Ende der Woche wird ersehnt, sondern auch die Mitte der Woche wird gehuldigt. Da am Donnerstagvormittag keine Vorlesungen stattfinden, treffen wir uns am Mittwochabend bei Anna um richtige Cocktails zu genießen. Wir wollen gern „Jacqueline“ nachahmen, mit der Anne bereits bei der letzten Erasmusparty näher Bekanntschaft geschlossen hat. Jacqueline hat es echt in sich, sie ist süß und stark: Wodka + Weißwein + Limo + Grenadine (Sirup). Das Mischverhältnis ist Geschmackssache.
Jacqueline und wir 6 deutschen Mädels und 2 Holländerinnen empfangen Olivier, Mathieu und Jérémy aus meinem Kurs. Auch die Jungs finden Jacqui klasse, sodass bald auf Wodka-o umgestiegen wird. Ich begleite die „mecs“ zur Metrostation, denn 0:00 Uhr fährt auch die letzte stadteinwärts. Sie sehen zufrieden aus, denk ich mir. (Am Donnerstag erfahr ich, dass sie selbst nicht mehr wussten, wie sie nach Hause gekommen sind). Irgendwie ist uns noch nicht nach Schlafen und so geht es noch bis 3:00 Uhr mit Musikhören, schwatzen und mischen...

Metrostation "4 Cartons" auf dem Campus

Die Rechnung bekam ich postwendend an den darauffolgenden Tagen. Am Donnerstag noch leicht angeschlagen, will ich am Freitag schon nicht mehr weggehen. Das gesamte Wochenende verbringe ich im Bett. Ohne Mutti, die mir Tee und Suppe kocht. Da kann man ja nicht gesund werden!
meine Luxusbude

Noch dazu ist die Beschreibung von Reizhusten, Schnupfen und Gliederschmerzen in der Apotheke ein Erlebnis für sich. Mit gründlicher Vokabelrecherche vorab begebe ich mich schon arg angeschlagen zum Ort der erhofften Genesung und leg auch ordentlich Geld auf den Tisch. Leider wird es nicht so recht besser, obwohl ich mir absolute Bettruhe verordne! (Während die anderen schön weggehen am Samstag!)
Es gibt im super-entwickelten Frankreich auch nirgendwo Fencheltee, oder die gute ostdeutsche Pulmotin-Salbe! Ein Skandal!

Dienstag, 14. Oktober 2008

22 – 28|09 Vorlesungen und andere Grausamkeiten

Die erste Woche war noch Spaß, in der zweiten geht es mit Meilenstiefeln durch den Vorlesungsstoff. Wie es ist, immer nur die Hälfte zu begreifen, lernen ich hier ziemlich deutlich kennen. Am Anfang konnte ich mich noch freuen, dass ich überhaupt verstand, warum es prinzipiell ging, aber auf Dauer reicht das nicht, um nach 3 Stunden V-lesung noch Zusammenhänge zu begreifen. Auch 100-seitige Skripte bieten nicht viel Zuversicht, denn eine A4-Seite Fließtext über die industrielle Betriebswirtschaftslehre und E-Mutationen müssen erst einmal übersetzt sein. Das dauerte in etwa 2 Stunden.


Lichtblicke der Woche: 2mal Englischunterricht! Im Vergleich zu den anderen Vorlesungen eine echte Wohltat. Zwar scheint allseits bekannst zu sein, dass Franzosen nicht besonders gut Englisch sprechen können, dafür finde ich aber das Niveau des Unterrichts beachtenswert. Mittwochs geht es um Marketing und Montags um Finanzen. Besonders seltsam wirkt das Sprachlabor auf mich. Jeder Platz verfügt über einen Riesenkopfhörer – vom Design Raumfahrt - der an die „aktuellste“ Version eines Tonbandabspielgerätes (ca. aus 1980) angeschlossen ist. Dieses Gerät ist direkt in den Schreibtisch eingebaut. Der Prof spielt einen Film oder Tonband ab, das sogleich von den Tapes aufgenommen wird. Die millionenfache Bespielung der Kassetten trägt zu einem unvergleichlichen Klangerlebnis von Knarr- und Knarzgeräuschen bei. Ich habe mir bisher verkniffen einen Fotoapparat mitzunehmen, aber dieses Bild, wie alle mit den Kopfhörern dasitzen und wie wild die Vor- und Rückspultasten bedienen, ist urkomisch!

Es gibt auch eine erste Kennenlern-Party am Donnerstag der Gruppe COMEX bei Olivier. Er kann sich glücklicher Bewohner einer traumhaften Dachgeschosswohnung nennen, die direkt in der Innenstadt liegt. Abgesehen von den holzverkleideten Dachschrägen und dem Parketboden lassen mich die Aussicht aus seinem Fenster und die Platzfreiheit ein wenig neidisch werden, wenn ich dabei an mein Zimmerchen denke. Liebevoll nennen wir unsere Behausung übrigens „castle“. Am Samstag steht mal wieder ein Erasmus-Geburtstag an, der wie gewöhnlich im „7 heaven“ in der Stadt endet. Ich treffe dort alte Bekannte von vor 2 Wochen wieder.

Kurzer Exkurs in die unterschiedlichen Tanzverhalten deutscher und französischer Landsmänner. Während in deutschen Diskos die meisten von ihnen um die Tanzfläche verteilt stehen und das Angebot an weiblichen Artgenossen gründlich analysieren, hält es die Franzosen nicht von der Tanzfläche. In Deutschland verirren sich zumeist nur ganz mutige und bereits sehr stark angetrunkene Tänzer auf die Tanzfläche. Um dann noch ein Mädchen (sächs.: Kirsche, frz.: nana) anzutanzen, braucht es mindestens noch 3 Wodka-Redbull. Hingegen die französischen Jungs (sächs.: Kerle, frz.: mec) keine 5 Sekunden brauchen, um sich einzutanzen und gleich die erste „nana“ anzutanzen. Unglaublich, denn sie weichen einem auch nur ungern von der Seite - auch wenn aus denn Boxen „The Prodigy“ mit treibenden Bass dröhnt, „mecs“ sehen keinen Grund das eng umschlungene Kuscheltanzen zu unterbrechen! Da die Franzosen auch sehr stolz auf ihre Herkunft sind, hören sie gern 3 mal am Abend Justice mit „we are your friends“ und freuen sich auch, es ein 4. Mal zu hören.

Allerdings gibt es auch couragierte „mecs“. So haben sich meine Kommilitonen rührend für mich eingesetzt, als einer dieser Tanzpartner das Wort „non“ (nein) nicht so recht verstehen wollte. Das stalker-ähnliche Verhalten, umfassend mehr als 5 Anrufe am Tag inklusive unverabredetes Erscheinen vor meinem Gebäude, waren dann doch zu viel des Guten. Ein kurzer Anruf von Olivier und Mathieu genügte und ich war offiziell schon länger liiert. Es schadet prinzipiell nicht, sich für gewisse Situationen einen Scheinpartner anzuschaffen.

Fürs Leben lernen II

Lektion N°6: In Frankreich lies sich ein Vermögen im Sanitärbereich verdienen. Weder in öffentlichen Institutionen, wie die Universität oder mein Institut, noch in den Wohnheimen kann man die Arbeit der Reinigungskräfte erkennen. Die WCs meines Instituts erinnern an eine öffentliche (kostenlose) Toilette mitten auf der Straße des 17. Juni während der Love Parade. Meiner Vermutung nach liegt das zum einen an den mangelnden Verhaltensformen der französischen Landesmänner und zum anderen an der unregelmäßigen und motivationsabhängigen Durchführung der Reinigung.

Lektion N°7: Du bist schwer krank: arger Husten, der dich und deine Zimmernachbarin nicht hat schlafen lassen, Schnupfen und die restlichen Erkältungserscheinungen. Du quälst dich am frühen Morgen aus dem Bett, denn du willst erster sein. Erster in der Schlange vor dem „Maison universitaire de la Santé“ (Gesundheitszentrum), denn die Leistungen sind KOSTENLOS. Überaschenderweise öffnet das Gesundheitszentrum erst 8.30 Uhr. Okay eine halbe Stunde zu warten, nimmst du in Kauf, denn du stehst schon 8.00 Uhr vor der Tür. 8.30 Uhr kommt die erste Schwester und gibt den hilfreichen Hinweis, dass der Doktor erst ab 9.00 Uhr da ist. Okay, die halbe Stunde verbringst du mit anderen Organisationsaufgaben. 9.00 Uhr wird dir dann am Schalter die freundliche Auskunft erteilt, dass ohne einen Termin gar nichts geht, denn der Doktor ist ausgebucht. Man schlägt dir einen Termin in 5 Tagen vor oder empfiehlt dich an einen zu bezahlenden Arzt weiter. Was kostet schon die Welt (Frankreich)?

Lektion N°8: Die Abgründe des ÖPNV. Die Monats- sowie Wochenkarte können nur am Monats- bzw. Wochenbeginn gekauft werden. Dienstag ne Wochenkarte kaufen? Pas possible! Okay der Fahrkartenautomat mag meine Kreditkarte nicht, dass hat er mir durch laute Pfeifflaute unmissverständlich klar gemacht. Aber die 31 Euro mit einem 10 und einem 20 Euroschein plus Kleingeld bezahlen? –Wo denkst du hin? Nachdem die 20 Euro geschluckt sind, bitte nur noch in Münzen bezahlen!

Eine Monatskarte kann aber nicht einfach so kaufen! Dazu braucht man einen Fahrausweis, egal ob man eine Vergünstigung bekommt oder nicht...Diesen Ausweis muss man sich durch langes Anstellen an einem Schalter (siehe Lektion N°2) verdienen. Und die Zeit für die Zustellung per Post bitte nicht vergessen (siehe Lektion N°5).

Ich bin im Übrigen nach über 3 Wochen Aufenthalt hier stolzer Besitzer einer Monatskarte! Seit mehr als einer Woche gibt es baustellenbedingt eine Umleitung, sodass ich eine Straße ca. 7 min hinunterlaufen muss. Schon zu Beginn kann ich den Bus am anderen Ende erkennen, sodass ich jeden Morgen nach dem Bus renne. Der im besten Fall – ich hechelnd darin stehend – noch 5 Minuten auf seine planmäßige Abfahrt wartet. Irgendwann kommt der Tag x – es war ein Freitag – an dem die Umleitung aufgehoben wird (ohne Hinweis). Auf halber Strecke erkenn ich dies und muss einsehen, noch bis zur nächsten Haltestelle zu laufen. Es regnet, ich habe meinen Schirm vergessen, habe eine ordentliche Erkältung, habe meine Tasche mit schweren Dokumenten, meinem dicken Fachwörterbuch Französisch-Deutsch für Wirtschaft, Handel und Finanzen darin, habe meine Laptoptasche mit dem dafür vorgesehenen Inhalt um und noch dazu einen Beutel mit von jemanden vergessenen Sachen darin in der Hand und LAUFE. 15 Minuten später muss ich mir an der Haltestelle wartend eingestehen, dass der Bus nicht kommen will. Es gibt wohl einen Stau, Unfall o.ä. In der Zeit wäre ich jedenfalls längst am Institut angekommen und noch rechtzeitig zum Vorlesungsbeginn!

Lektion N°9: Es lebe das Heizöl-Sparen! 15 Grad Zimmertemperatur? –Klar, denn weder im Hörsaal noch im Wohnheim wird die Heizung vor Ende Oktober angestellt. Da weiß man, warum Ärzte hier nicht Hunger leiden müssen! Da freut man sich direkt nach der Vorlesung (in kompletter Montur bekleidet) nach draußen zu gehen und keinen Unterschied zu merken... Nur ein kleiner: draußen regnet es noch zumeist.

Donnerstag, 25. September 2008

Für's Leben lernen



Das Auslandssemester dient natürlich nicht nur der akademischen Weiterbildung sondern auch dem interkulturellen Austausch. An dieser Stelle einige meiner ersten Lektionen, die ich gelernt habe:

Lektion N°1: Wie komme ich bei rot über die Fußgängerampel ohne dabei zu Schaden zu kommen und trotzdem so viele Autofahrer wie möglich warten zu lassen?

Lektion N°2: Warten ist die Königsdisziplin, wenn man etwas besonders eilig braucht. Schnelles Arbeiten haben die französischen Landsmänner und –frauen von den Faultieren adaptiert. Um so länger die wartende Menschenschlange um so wichtiger die privaten Gespräche der Angestellten untereinander (um das anstehende Mittagessen oder Ähnliches).

Lektion N°3: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Wieso einen Stundenplan für das gesamte Semester schreiben, wenn man diesen auch jede Woche wieder neu erfinden kann? Gleiches gilt selbstverständlich für den Raumplan.

Lektion N°4: Du beantragst ein wichtiges Dokument und überträgst die Kompetenz zur Erstellung dessen in - deiner Meinung nach – erfahrene Hände? Fataler Fehler solltest du dich darauf verlassen. Mehrmaliges Nachfragen, Nachhaken, Bohren sind unabdingbar. Und bitte nicht wundern und schon gar nicht aufregen, wenn eben diese wichtigen Dokumente gerade mal abhanden gekommen sind.

Lektion N°5: Posttechnisch liegt Lille – beziehungsweise der Campus – in der Antarktis. Den Postboten erzittert es schon beim Gedanken daran, hier vorbeizukommen. Also wird scheinbar einmal wöchentlich Post geliefert. Dann verfahren die Angestellten der Rezeption mit wichtigen Briefen und Paketen wie mit Käse – sie müssen reifen und möglichst lange liegen. Hierfür wird noch mal groß auf den Umschlag das Zielgebäude und –zimmer angegeben. Um den Reifeprozess zu verstärken wird aus Gebäude „N“ ein „O“. Diese Buchstaben sehen sich ja auch wirklich zum Verwechseln ähnlich!