Dienstag, 14. Oktober 2008

22 – 28|09 Vorlesungen und andere Grausamkeiten

Die erste Woche war noch Spaß, in der zweiten geht es mit Meilenstiefeln durch den Vorlesungsstoff. Wie es ist, immer nur die Hälfte zu begreifen, lernen ich hier ziemlich deutlich kennen. Am Anfang konnte ich mich noch freuen, dass ich überhaupt verstand, warum es prinzipiell ging, aber auf Dauer reicht das nicht, um nach 3 Stunden V-lesung noch Zusammenhänge zu begreifen. Auch 100-seitige Skripte bieten nicht viel Zuversicht, denn eine A4-Seite Fließtext über die industrielle Betriebswirtschaftslehre und E-Mutationen müssen erst einmal übersetzt sein. Das dauerte in etwa 2 Stunden.


Lichtblicke der Woche: 2mal Englischunterricht! Im Vergleich zu den anderen Vorlesungen eine echte Wohltat. Zwar scheint allseits bekannst zu sein, dass Franzosen nicht besonders gut Englisch sprechen können, dafür finde ich aber das Niveau des Unterrichts beachtenswert. Mittwochs geht es um Marketing und Montags um Finanzen. Besonders seltsam wirkt das Sprachlabor auf mich. Jeder Platz verfügt über einen Riesenkopfhörer – vom Design Raumfahrt - der an die „aktuellste“ Version eines Tonbandabspielgerätes (ca. aus 1980) angeschlossen ist. Dieses Gerät ist direkt in den Schreibtisch eingebaut. Der Prof spielt einen Film oder Tonband ab, das sogleich von den Tapes aufgenommen wird. Die millionenfache Bespielung der Kassetten trägt zu einem unvergleichlichen Klangerlebnis von Knarr- und Knarzgeräuschen bei. Ich habe mir bisher verkniffen einen Fotoapparat mitzunehmen, aber dieses Bild, wie alle mit den Kopfhörern dasitzen und wie wild die Vor- und Rückspultasten bedienen, ist urkomisch!

Es gibt auch eine erste Kennenlern-Party am Donnerstag der Gruppe COMEX bei Olivier. Er kann sich glücklicher Bewohner einer traumhaften Dachgeschosswohnung nennen, die direkt in der Innenstadt liegt. Abgesehen von den holzverkleideten Dachschrägen und dem Parketboden lassen mich die Aussicht aus seinem Fenster und die Platzfreiheit ein wenig neidisch werden, wenn ich dabei an mein Zimmerchen denke. Liebevoll nennen wir unsere Behausung übrigens „castle“. Am Samstag steht mal wieder ein Erasmus-Geburtstag an, der wie gewöhnlich im „7 heaven“ in der Stadt endet. Ich treffe dort alte Bekannte von vor 2 Wochen wieder.

Kurzer Exkurs in die unterschiedlichen Tanzverhalten deutscher und französischer Landsmänner. Während in deutschen Diskos die meisten von ihnen um die Tanzfläche verteilt stehen und das Angebot an weiblichen Artgenossen gründlich analysieren, hält es die Franzosen nicht von der Tanzfläche. In Deutschland verirren sich zumeist nur ganz mutige und bereits sehr stark angetrunkene Tänzer auf die Tanzfläche. Um dann noch ein Mädchen (sächs.: Kirsche, frz.: nana) anzutanzen, braucht es mindestens noch 3 Wodka-Redbull. Hingegen die französischen Jungs (sächs.: Kerle, frz.: mec) keine 5 Sekunden brauchen, um sich einzutanzen und gleich die erste „nana“ anzutanzen. Unglaublich, denn sie weichen einem auch nur ungern von der Seite - auch wenn aus denn Boxen „The Prodigy“ mit treibenden Bass dröhnt, „mecs“ sehen keinen Grund das eng umschlungene Kuscheltanzen zu unterbrechen! Da die Franzosen auch sehr stolz auf ihre Herkunft sind, hören sie gern 3 mal am Abend Justice mit „we are your friends“ und freuen sich auch, es ein 4. Mal zu hören.

Allerdings gibt es auch couragierte „mecs“. So haben sich meine Kommilitonen rührend für mich eingesetzt, als einer dieser Tanzpartner das Wort „non“ (nein) nicht so recht verstehen wollte. Das stalker-ähnliche Verhalten, umfassend mehr als 5 Anrufe am Tag inklusive unverabredetes Erscheinen vor meinem Gebäude, waren dann doch zu viel des Guten. Ein kurzer Anruf von Olivier und Mathieu genügte und ich war offiziell schon länger liiert. Es schadet prinzipiell nicht, sich für gewisse Situationen einen Scheinpartner anzuschaffen.

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